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Legende der drei Meere:
Baku-Tiflis-Ceyhan Ölpipeline
Eine der wichtigsten geopolitischen Entdeckungen nach dem Zerfall
der Sowjetunion ist die Kaspische Region, deren Bedeutung auf die
reichen Öl- und Gasvorkommen und ihre Brückenfunktion zwischen
Europa und Asien zurückzuführen ist.
Diese Faktoren gepaart mit dem Rückgriff auf die „Heartland“- Theorie von Mackinder führten nach dem Ende des Kalten Krieges zur Aufwertung der Kaspischen Region als einem geopolitisch wichtigen Raum (1), der durch kürzliche Inbetriebnahme der Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC) Ölpipeline wieder ins Zentrum westlichen Interesses in der Gesamtregion Kaukasus/Zentralasien rückte. Die Pipeline der Superlativen, nämlich mit ca. 1770 km die längste und mit ca. vier Milliarden $ Baukosten wohl die teuerste Ölpipeline der Welt, ist ein ehrgeiziges Projekt, das nicht nur eine ökonomische Zukunftsinvestition des Westens darstellt, sondern auch eine (geo-) politische.
Am 13. Juli 2006 wurde die lange umstrittene BTC-Pipeline, die von Baku am Kaspischen Meer durch Georgien ins Mittelmeer führt, in der türkischen Hafenstadt Ceyhan offiziell eröffnet. Vielleicht hat man mit der Feier deshalb so lange gewartet, um Russland kurz vor dem G-8-Gipfel in St. Petersburg noch eine symbolträchtige Niederlage zu bereiten. Sie war doch bis zuletzt ein strategisches Objekt
gerade im Machtkampf zwischen den USA und Russland um die Energiereserven des Kaspischen Meeres (2).
Unter dem Grund des Kaspischen Meeres werden Vorräte von mehr als 100 Milliarden Barrel Öl vermutet, und noch dazu 600 Milliarden Kubikmeter Gas - insbesondere Washington sieht darin eine Alternative zu den Reserven der Golfregion. Angesichts eines jahrelangen Ringens zwischen nationalen, transnationalen und regionalen Akteuren ist die kostspielige BTC-Pipeline eine schwierige Geburt immerhin gewesen. In diesem nicht zuletzt geopolitischen Machtkampf ging es um die Frage, wie das kaspische Öl am günstigsten und sichersten einen Zugang zum offenen Meer bekommt und damit Anschluss an die weltweiten Absatzmärkte findet. Ferner war es den Ölkonsortien wichtig, den Energieexport zu diversifizieren, indem Alternativen zum monopolisierenden Exportweg über Russland geschaffen werden. Die pragmatischen Überlegungen der am Ölgeschäft beteiligten Ölkonsortien, die Pipelineroute so rentabel wie möglich zu halten, wurden überlagert von außen- und sicherheitspolitischen Interessen der USA in Bezug auf den Iran und Russland. Eine günstigere und von den Ölkonsortien favorisierte Pipeline, die von Baku über den Iran zum Persischen Golf führen sollte, wurde seitens der US-Regierung letztlich verhindert (3).
Die BTC-Pipeline blickt auf die 12 Jahre Entstehungsgeschichte zurück. 1994 schlossen Aserbaidschan und ein internationales Ölkonsortium unter Führung von BP einen so genannten "Jahrhundertvertrag" mit 30 Jahren Wirkungsdauer, fünf Jahre später war US-Präsident Bill Clinton beim ersten Spatenstich dabei. Wenn die Pipeline ausgelastet ist, soll sie bis zu eine Million Barrel pro Tag in den Westen bringen, was aber erst ab 2008 zu erwarten ist. Auch das zentralasiatische Kasachstan, ebenfalls Anrainer des Kaspischen Meeres, schließt sich jetzt dem lukrativen Geschäft an. Vom nächsten Frühjahr an will das
Land Öl aus den gewaltigen Feldern Kaschagan und Tengis in die neue Baku-Röhre einspeisen. Sogar an eine Verlängerung der Pipeline bis nach Kasachstan wird gedacht (4). Die BTC-Pipeline wird hauptsächlich durch den britischen Ölkonzern BP und die staatliche aserbaidschanische Ölgesellschaft Socar betrieben. Beteiligt sind auch Unternehmen aus den USA, Türkei, Italien, Japan, Saudi-Arabien und Norwegen. Finanziert wurde der ca. vier Milliarden teure Bau der BTC von der Weltbank und der Europäischen Bank
für Wiederaufbau.
Im Geist der heute angesagten Diversifizierungspolitik ausländischer Bezugsquellen von Energieträgern wird die Kaspische Region für den Westen eine wichtige Energiequelle noch für einige Zeit bleiben. Im Zeichen der Inbetriebnahme der BTC- Ölpipeline mit geopolitischer Bedeutung kommt insbesondere dem Kaukasus- und Kaspischer Anrainerstaat Aserbaidschan aus westlicher Sicht eine Schlüsselposition in der Gesamtregion zu was, auch der ehemalige US- Sicherheitsberater Z. Brzezinski vor kurzem explizit unterstrich (5). Aserbaidschan scheint doch noch Hauptgewinner bei diesem gelungenen geoökonomischen Projekt zu sein. Zum einen bekommt das Land eine einmalige Möglichkeit geboten, seine politische und ökonomische Abhängigkeit von Russland weitgehend vermindern und sich erfolgreich vor allem in den westlichen wirtschaftlichen Raum
integrieren zu können, wobei dessen „Erzfeind“ Armenien damit stark in eine politische und wirtschaftliche Isolation gerät, was dementsprechend die armenische Verhandlungsposition gegenüber diesem im Berg-Karabach Konflikt schwä chen würde.
Zum anderen werden in Aserbaidschan innerhalb der nächsten Jahre Milliardenpetrodollars
in Staatskassen fließen. Es ist die Rede von 140 Milliarden $ Öleinkommen in den ko mmenden 20 Jahren, wenn sich die Ölpreise durchschnittlich auf 50 $ pro Barrel (dieser ist heute über 70 $) belaufen (6). Gerade vor diesem Hintergrund bedarf es einer gerechten Verteilung dieser Gelder, zumal die Regierung auch aufgrund fehlender demokratischer Kontrollmechanismen noch korruptionsanfälliger werden kann. Als „Gebot der Zeit“
wird daher von politischen Beobachtern die Etablierung demokratischer politischer Verhältnisse im Lande angesehen, damit der gerechte Aufwand dieser baldigen Öleinkünfte effektiv kontrolliert werden könnte. Ölwirtschaft und Demokratie scheinen aber im Falle Aserbaidschans nicht zusammenzugehören und deshalb nicht zusammenwachsen zu können. Im Vergleich bspw. zu Norwegen, wo wir eine blühende Ölwirtschaft wie eine gut
funktionierende Demokratie haben, ist die Ölwirtschaft in Aserbaidschan älter als die „demokratische Bewegung“ im Lande (7), was der letzteren die Arbeit nicht gerade leicht macht.
Hinzu kommt, dass das hoch komplizierte internationale Umfeld (v.a. das mit Ölinteressen verwobene geopolitische „Great Game“ der Großmächte) gerade nicht günstig für eine „naturwüchsige“ Entwicklung Aserbaidschans hin zur Demokratie ist. In der Gesamtregion Kaukasus/Zentralasien ist die geopolitische Interessenkonkurrenz v. a. zwischen Russland und den USA schärfer denn je und „dem traditionellen imperialen Konkurrenzmuster noch stark verhaftet“ (8) , das gerade nicht demokratieförderlich wirkt. Es geht hier nämlich den USA eher um politische und ökonomische Machtsicherung als Demokratieförderung.
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(1) Die Baku-Tiflis-Ceyhan Pipeline: Chance und Risiko für die Kaspische Region,
http://www.weltpolitik.net/Regionen/Russland%20und%20Zentralasien/
Kaspischer%20Raum/Grundlagen/btc_pipeline.html
(2) Kaukasiens Gold: Die Anrainerstaaten des Kaspischen Meers können Öl in den Westen liefern - an Russland vorbei, in: Süddeutsche Zeitung, 12.07.2006
(3) Die Baku-Tiflis- Ceyhan Pipeline: Chance und Risiko für die Kaspische Region
(4) Kaukasiens Gold: Die Anrainerstaaten des Kaspischen Meers können Öl in den Westen liefern - an Russland vorbei, in: Süddeutsche Zeitung, 12.07.2006.
(5) Z. Brzezinski meint nämlich, dass es wichtig sei, „in Energiefragen nicht von einer handvoll
Staaten abhängig zu sein, die dann daran interessiert sein könnten, ihre Kontrolle über die
Lieferungen politisch auszunutzen. Deswegen ist klar, dass Aserbaidschan für die USA wichtig
ist.“ (Amerika hofft auf stabile politische Verhältnisse in Aserbaidschan;
http://www.dw-world.de/dw/article/0,1564,1676882,00.html
(6) Too much of a good thing: Azerbaijan and oil, in: The Economist, 17.08.2006.
(7) Dieser Vergleich stammt vom ehemaligen Wahlbeobachter des Europarats für Aserbaidschan Andreas Gross, der dazu meint, dass “nur Norwegen es bisher geschafft hat, Öl und Demokratie miteinander zu versöhnen“ («Wir sind mit Rückschritten und Rückfällen konfrontiert»;
http://www.andigross.ch/html/site446.htm
(8) Egbert Jahn: Politische Streitfragen in zeitgeschichtlicher Perspektive: Konfliktregulierung und Friedenskonsolidierung auf dem Balkan, (Manuskript) 2006. S. 6.
©EC-B.com | 21.08.2006, Mannheim | Aser BABAJEW |
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